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Die Psychologie beim Magic Teil 3 – Die Wahrnehmungsfehler

Geschrieben von Paddel, in Psychologie beim Magic 14. März 2017 · 373 Aufrufe

Als ich vor einiger Zeit bei einem Turnier ein recht interessantes Spiel zwischen Naya Burn und U/W Control bestaunen durfte, kam vom Beobachter neben mir ein Satz der mich aufhorchen ließ.

 

„Das ist doch Slow Play.“

 

Zur Erklärung: Spieler 1 (Aggro) hatte einen Nacatl auf dem Feld, einen Bolt auf der Hand und noch sechs Leben. Sein Gegenüber (Control) hat noch fünf Leben, drei Handkarten und nur zwei Mana offen, da er vorher mit Celestial Colonnade angegriffen hat. Greift Spieler 1 an dann kann er entweder gewinnen oder das Spiel geht noch eine Runde weiter. Nur traut er wohl den Braten (zurecht) nicht und geht seine Möglichkeiten durch. Dabei schaut er einmal zum Timer (Wenn er jetzt angreift und es eine Falle ist, dann hat er noch 15 Minuten für das dritte Spiel).
Dem beobachtenden Spieler geht das jedenfalls zu langsam und als ich ihn danach auf die Situation anspreche bekomme ich noch folgende „Informationen“:

  • Er selber spiele auch Aggro und daher wisse er, dass man den Zug schneller machen muss (Induktion)
  • Sein Kumpel war Spieler 2 und hat zügiger gespielt und spielt gegen ihn immer zügig (Wahrnehmungsfehler)
  • Spieler 1 hat länger als eine Minute für den Zug gebraucht (Wahrnehmungsfehler Nr 2)
  • Dadurch das der Spieler 1 so langsam gespielt hat, liegt eine bewusste Handlung vor und damit Slow Play (mögliche Fehlinterpretation)
Arbeiten wir die Punkte nach und nach mal ab.
Der erste Fehler seiner Argumentation liegt darin, dass er von sich auf andere schließt bzw. einer Verallgemeinerung unterliegt. Mein Gesprächspartner spielt Aggro. Mein Gesprächspartner spielt schnell. Also müssen alle Aggrospieler schnell spielen. Das Problem an seiner Schlussfolgerung ist, dass sie nicht mehr funktioniert wenn es nur einen Aggro-Spieler gibt, der nicht schnell spielt (was wir ja hier haben). Wenn überhaupt wäre es richtig zu sagen, dass der Spieler 1 die ganze Zeit zügig gespielt hat und in diesem Moment, für seine Verhältnisse, überraschend langsam.

 

Durch die Bekanntschaft mit Spieler 2 und dessen Verhalten in den Spielen gegeneinander vermutet mein Gesprächspartner, dass sein Kumpel die ganze Zeit zügig gespielt hat. Hier unterliegt er leider einem Wahrnehmungsfehler. Denn auch Spieler 2 hat sich während des gesamten Spiels in einigen Zügen etwas mehr Zeit genommen. Bei zwei Zügen lag er sogar bei knapp einer Minute. Hier wird seine Wahrnehmung durch seine gemachten Erfahrungen mit seinem Freundes beeinflusst, so dass er die Zeit anders wahrnimmt, als die tatsächliche Messung ergibt.

 

Die Aussage, dass Spieler 1 länger als eine Minute für den Zug gebraucht hat, konnte ich leider auch nicht bestätigen. Hier unterliegt der Beobachter einem weiteren Wahrnehmungsfehler. Nicht nur Erfahrungen beeinflussen unsere Wahrnehmungen, sondern auch Stress bzw. Gefühle allgemein können einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung haben. Da sein Kumpel in der Situation hinten lag, führte der Stress zu einer subjektiven Zeitdehnung. Auch wenn es für eine große Empathie für seinen Kumpel spricht, führt dies leider auch zu einer falschen Schlussfolgerung. Denn tatsächlich dauerte die Situation nicht länger als ca. 30 Sekunden.

 

War es denn nun Slow Play, wie von meinem Gesprächspartner angenommen?
Da wir unter Slow Play das unabsichtliche, langsame Spiel verstehen, liegt er leider nicht ganz richtig. Eigentlich meinte er Stalling, da er ihm eine bewusste Handlung unterstellt um sich einen Vorteil zu ergaunern.
Aber weder Slow Play noch Stalling im eigentlichen Sinne konnte ich hier beobachten. Der Spieler zog eine Karte und überdachte seine Möglichkeiten. Der Blick auf den Timer könnte ein Indiz für eine bewusste Verknappung der Zeit sein. Hätte in dem Moment allerdings keinen Sinn ergeben, da nur ein Sieg beide Spieler in die Topplatzierungen bringen würde. Außerdem war der Zug nach ca. 30 Sekunden vorbei, was laut Richtlinien noch im Ermessungsspielraum liegen dürfte. Und selbst wenn es Slow Play wäre und der Judge gerufen wird, gibt es zuerst eine freundliche Aufforderung. Erst wenn diese nichts bringt gibt es die Strafe (Warning). Ein Judge kennt das Spiel gut genug, um zu beurteilen, wann man ein wenig mehr Zeit zum Nachdenken benötigt.

 

Was lernen wir nun aus dieser Situation? Egal ob wir nun selber spielen oder nur Zuschauer am Rande sind, müssen wir uns klar machen, dass unsere Wahrnehmung uns einen Streich spielen kann. Gerade in (scheinbar) komplizierten Spielsituationen fällt es uns nicht immer leicht diese objektiv zu beurteilen. Wir sind hier abhängig von den aktuellen Informationen, unseren Erfahrungen und der Fähigkeit, unsere Emotionen zu kontrollieren. Auch kann es nicht schaden sich, nach dem Spiel, mit anderen Zuschauern und Spielern auszutauschen. So können wir uns besser reflektieren und das nächste Mal anders agieren.
Ich selber habe schon gegen Boogles eine Dryad Arbor für einen Wald gehalten und siegesgewiss eine Liliana of the Veil gelegt. Selbst nach dem Spiel konnte ich es nicht so genau glauben und musste erst von meinem Kumpel überzeugt werden. Tja, Shit Happens.

 

Das Ende dieser Geschichte war übrigens, dass der Aggro-Spieler zwar das Game verlor, aber das Match gewann. Und das innerhalb der vorgegebenen Zeit.

 


Bis dahin, Recht herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit und bis zum nächsten Mal.






Interessant geschrieben, gerne mehr :)